Die fünf Wirtschaftsweisen zeichnen ein ernüchterndes Bild der deutschen Konjunktur. In ihrem aktuellen Frühjahrsgutachten senkt der Sachverständigenrat die Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im laufenden Jahr auf 0,3 Prozent. Noch im Herbst 2025 hatte das Gremium mit einem Wachstum von 0,9 Prozent gerechnet. Damit droht Deutschland das dritte Jahr in Folge mit einer faktischen Stagnation.
Schwacher Konsum und hohe Energiekosten bremsen die Wirtschaft
Als Hauptursachen für die schwache Entwicklung nennen die Wirtschaftsweisen eine Kombination aus strukturellen und konjunkturellen Faktoren. Der private Konsum bleibt trotz gestiegener Reallöhne verhalten. Viele Verbraucher halten sich angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit mit größeren Anschaffungen zurück. Die Sparquote liegt mit über 12 Prozent deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.
Die Energiepreise belasten weiterhin die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Obwohl die Gaspreise seit den Extremwerten von 2022 deutlich gesunken sind, liegen sie nach wie vor über dem Niveau der Vorkrisenzeit und sind im internationalen Vergleich, insbesondere gegenüber den USA und asiatischen Standorten, ein erheblicher Nachteil. Energieintensive Branchen wie die Chemie- und Metallindustrie verlagern zunehmend Produktionskapazitäten ins Ausland.
Industrielle Herausforderungen und geopolitische Risiken
Besondere Sorgen bereitet den Wirtschaftsweisen die Lage der deutschen Industrie. Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe sind seit Monaten rückläufig, die Kapazitätsauslastung liegt unter dem langjährigen Mittel. Die Automobilindustrie, traditionell das Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft, steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Umstellung auf Elektromobilität und der verschärfte Wettbewerb durch chinesische Hersteller setzen die Branche unter Druck.
Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten. Die anhaltenden Handelsspannungen zwischen der EU und den USA, die verschärften Zölle auf europäische Exporte und die fragile Lage in verschiedenen Weltregionen trüben die Aussichten für die exportorientierte deutsche Wirtschaft zusätzlich. Der Sachverständigenrat warnt ausdrücklich vor einer weiteren Eskalation der Handelskonflikte.
Deutschland im europäischen Vergleich
Im Vergleich mit anderen EU-Ländern schneidet Deutschland weiterhin unterdurchschnittlich ab. Während Spanien mit einem prognostizierten Wachstum von 2,1 Prozent und Frankreich mit 1,0 Prozent solider wachsen, bleibt die größte Volkswirtschaft der Eurozone ein Sorgenkind. Selbst Italien wird Deutschland voraussichtlich übertreffen.
Die Vorsitzende des Sachverständigenrats, Monika Schnitzer, mahnte die Bundesregierung zu entschlossenen Reformen. „Deutschland hat ein Wachstumsproblem, das sich nicht von allein lösen wird“, sagte sie bei der Vorstellung des Gutachtens. Notwendig seien Investitionen in die digitale und physische Infrastruktur, ein Abbau bürokratischer Hürden für Unternehmen sowie eine beschleunigte Umsetzung der Energiewende.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) nahm das Gutachten entgegen und betonte, die Regierung nehme die Warnungen ernst. Man werde im Rahmen der Haushaltsverhandlungen für 2027 gezielt Impulse für Wachstum und Investitionen setzen. Gleichzeitig verwies er auf die bereits beschlossenen Maßnahmen wie das Infrastrukturpaket und die steuerliche Entlastung von Unternehmen.